Mediation als strategische Entscheidung – ein Gespräch mit Franziska Mensdorff-Pouilly

Konflikte gehören zum Leben. Die Frage ist nicht, ob es knirscht, sondern wie wir damit umgehen. Für unsere Serie über Unternehmer:innen in Wien sprechen wir mit Franziska Mensdorff-Pouilly, Gründerin von COMMON GROUND – Mediation & Konfliktlösung. Als Juristin und eingetragene Mediatorin begleitet sie Unternehmen und Privatpersonen bei der Aufarbeitung und Lösung von Konflikten.

Frau Mensdorff-Pouilly, wenn Sie sich in wenigen Sätzen vorstellen: Wer sind Sie – und wofür steht COMMON GROUND – Mediation & Konfliktlösung?

Ich bin Juristin und eingetragene Mediatorin und in Wien tätig. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf Wirtschaftsmediation – etwa bei Gesellschafterkonflikten, Auseinandersetzungen aus unternehmensbezogenen Geschäften, innerbetrieblichen Konflikten und im Zusammenhang mit Unternehmensnachfolge. Daneben begleite ich Privatpersonen in sensiblen persönlichen Konflikten bei Scheidungen, Trennungen und erbrechtlichen Konflikten. COMMON GROUND steht für das, was ich in jedem Verfahren anstrebe: eine Basis zu schaffen, von der aus Gespräche wieder möglich werden und Entscheidungen getroffen werden können. Nicht Einigkeit um jeden Preis, sondern Handlungsfähigkeit.

Sie waren viele Jahre als Rechtsanwältin tätig, bevor Sie sich der Mediation zugewandt haben. Was war Ihr persönlicher Wendepunkt?

Die Beobachtung, dass Gerichts- oder Schiedsverfahren nicht immer zu nachhaltigen oder wirtschaftlichen Ergebnissen führen. Am Ende steht ein Urteil, aber keine zukunftsgerichteten Lösungen. Persönliche Bedürfnisse, wirtschaftliche Abwägungen oder emotionale Themen bleiben außen vor. Missverständnisse klären sich nicht. Die Zusammenarbeit ist weiterhin angespannt, der Konflikt bleibt oft bestehen.

Eine Mediation hingegen ermöglicht den Parteien rasch und unbürokratisch individuelle Vereinbarungen zu entwickeln, die dazu beitragen, eine Auseinandersetzung beizulegen und die weitere Zusammenarbeit zu sichern. Das war der Wendepunkt für mich: Ich wollte Konflikte nicht nur juristisch austragen, sondern einen Rahmen schaffen, in dem die Beteiligten selbst tragfähige und belastbare Vereinbarungen entwickeln können.

Sie beschreiben die Wahl zwischen Mediation und Gerichtsverfahren als strategische Entscheidung. Was meinen Sie damit – und wann empfehlen Sie trotzdem den Rechtsweg?

Am Beginn steht eine nüchterne rechtliche und wirtschaftliche Bestandsaufnahme. Neben der Frage, wie realistisch ein Erfolg vor Gericht ist, spielen weitere Faktoren eine Rolle: die zu erwartenden Anwalts- und Prozesskosten, der interne Zeitaufwand, die Frage der Vertraulichkeit und letztlich auch, ob beide Seiten überhaupt verhandlungsbereit sind. Gerade in Unternehmen geht es dabei nicht nur um Prozesskosten, sondern auch um gebundene Managementkapazitäten, operative Unsicherheit und Reputationsrisiken. Wer diese Faktoren frühzeitig durchdenkt, trifft eine fundiertere Entscheidung darüber, welcher Weg der richtige ist. Und dieser Weg kann durchaus ein Gerichts- oder Schiedsverfahren sein. Wenn rechtliche Aufarbeitung notwendig ist, wenn ein Urteil als Präzedenzfall gebraucht wird oder wenn die Gegenseite nicht ernsthaft verhandeln will, ist Mediation nicht das geeignete Format. Sie ersetzt kein Gerichtsverfahren, ist aber unter Umständen eine wirtschaftlich und strategisch sinnvolle Alternative.

Was sollte ich vor einer Mediation geklärt haben?

Zwei Dinge erlebe ich immer wieder als entscheidend.

Das erste sind Überlegungen zum richtigen Format. Ist Mediation überhaupt das geeignete Verfahren für den vorliegenden Konflikt, oder wäre ein Gerichtsverfahren der bessere Weg? Im privaten Bereich ist unter Umständen therapeutische Unterstützung sinnvoller. Diese Fragen im Vorfeld zu klären kann viel Zeit, Geld und Nerven sparen.

Der zweite Aspekt ist eine ausreichende Vorbereitung: Es ist wichtig, vor Beginn einer Mediation Klarheit darüber zu haben, was man will, wie man rechtlich positioniert ist und welchen Verhandlungsspielraum man hat, egal ob es sich um eine Ehescheidung, einen Gesellschafterkonflikt oder eine unternehmensbezogene Auseinandersetzung handelt. Mediation ist kein unverbindliches Sondierungsgespräch, sondern ein strukturierter Prozess mit echtem Einigungspotenzial. Wer ohne diese Vorbereitung startet, vergibt Potenzial.

Sie begleiten private Konflikte ebenso wie Unternehmenskonflikte. Was unterscheidet diese beiden Welten?

Der Kontext ist ein anderer. Im privaten Bereich sind oft langjährige Beziehungen und persönliche Geschichte im Spiel. Im unternehmerischen Bereich stehen Verträge, wirtschaftliche Interessen und Strukturen im Vordergrund – etwa bei Gesellschafterkonflikten, Streitigkeiten auf Führungsebene oder im Zusammenhang mit Unternehmensnachfolge. Was beide Welten aber eint: Am Tisch sitzen immer Menschen. Auch in Wirtschaftskonflikten sind Kommunikation, Missverständnisse und enttäuschte Erwartungen oft ebenso wirksame Treiber wie die rechtliche oder wirtschaftliche Ausgangslage. Der Unterschied liegt mitunter darin, wie ich mit diesen Treibern umgehe: welche Erwartungen und Interessen im Raum sind, was den Beteiligten tatsächlich wichtig ist und was es braucht, um trotzdem Fortschritt zu erzielen. Der Kern des Prozesses ist derselbe, die Sprache und der Rahmen passen sich an.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass Gerichtsverfahren oft keine individuellen und zukunftsgerichteten Lösungen liefern. Was ist für Sie persönlich eine wirklich gute Lösung in einem Konflikt?

Eine Lösung, die hält, weil sie nicht nur den aktuellen Streit beilegt, sondern auch die Ursachen klärt, die dahinterstehen.

Gerichtliche und schiedsgerichtliche Verfahren sind primär auf die rechtliche Aufarbeitung vergangener Konflikte ausgerichtet. Sie klären, was war und welche rechtlichen Folgen sich daraus ergeben. Was dabei oft außen vor bleibt: die Ursachen des Konflikts und die Frage, wie es künftig weitergehen soll. Mediation setzt da an, wo Gerichtsverfahren an ihre Grenzen stoßen. Die Parteien haben die Flexibilität, sich mit den Ursachen des Konflikts auf wirtschaftlicher, operativer, kommunikativer und emotionaler Ebene zu befassen. Auf dieser Basis können sie eine Einigung treffen, die nicht auf rechtliche Aspekte beschränkt sein muss, sondern die konkrete Situation abbildet und im Alltag trägt.

Mediation wird in Österreich und vielen kontinentaleuropäischen Ländern noch immer wenig genutzt – obwohl Erfolgsquoten und Effizienzvorteile gut dokumentiert sind. Woran liegt das aus Ihrer Sicht, und was müsste sich ändern?

Oft fehlt die bewusste Entscheidung im richtigen Moment. Mediation wird entweder zu spät in Betracht gezogen – wenn die Fronten bereits verhärtet sind – oder ohne ausreichende Vorbereitung begonnen.

Was sich ändern müsste, ist vor allem das Verständnis, was Mediation konkret leisten kann. Mediation ist kein „Plan B“ nach gescheiterten Verhandlungen, sondern ein eigenständiges Instrument im Konfliktmanagement. Sie gehört früh in die Entscheidungsüberlegungen, genauso selbstverständlich wie die Prüfung eines gerichtlichen Vorgehens. Genau dieses Verständnis von Mediation als strategische Option ist der Kern meiner Arbeit mit COMMON GROUND.


Unser Interviewpartner
Name: Franziska Mensdorff-Pouilly
Branche: Mediation & Konfliktlösung
Kurzinfo: Franziska Mensdorff-Pouilly ist Juristin & zertifizierte Mediatorin (eingetragen beim Bundesministerium für Justiz)
Webseite: https://www.cg-mediation.at/de/mediation